Merkantiler Minderwert

Selbst wenn Schäden repariert werden, werden die instandgesetzten Güter häufig unter Wert verkauft. Diesen finanziellen Abschlag von reparierten, aber funktionstüchtigen Gütern bezeichnet man als merkantilen Minderwert.

Wird etwas repariert und funktioniert wie vor dem Schadensfall, muss der Besitzer im Falle eines Verkaufs dennoch häufig mit einer Wertminderung leben. Instandgesetzte Güter erzielen meist einen deutlich niedrigeren Verkaufswert als eine vergleichbare Sache ohne Vorschaden. Häufig ist im KFZ-Bereich die Rede von einer solchen Wertminderung, wenn ein repariertes Unfallfahrzeug nicht den gewünschten Verkaufspreis erzielt. Der Begriff „merkantiler Minderwert“ bezieht sich aber auch auf die Immobilienbewertung, selbst wenn es sich hierbei um einen fiktiven Wert handelt.

Diese theoretischen Werteverluste, die auch bei Antiquitäten oder Musikinstrumenten oft einen hohen Stellenwert einnehmen, müssen von Sachverständigen ermittelt werden, die für die Höhe des Schadens bestimmte Kriterien zugrunde legen. Der Bundesgerichtshof definiert den merkantilen Minderwert als einen Abschlag vom realen Verkaufswert, wenn sich Interessenten scheuen, eine instandgesetzte Immobilie zu erwerben, weil sie eine Beeinträchtigung der Nutzungsmöglichkeiten fürchten. Das Resultat ist eine im Wert geminderte Preisvorstellung und die Wertdifferenz stellt einen Sachschaden für den Immobilienverkäufer dar.

Suizid im Haus kann merkantilen Minderwert begründen

Auch ein ungutes Gefühl kann einen merkantilen Minderwert darstellen und den Wert einer Immobilie drücken. Selbst wenn das Gebäude keinen Mangel aufweist und nicht durch vorangegangene Reparaturen einen Wertverlust erlitten hat, kann es an Wert einbüßen, wenn darin ein Gewaltverbrechen oder ein Suizid stattgefunden hat.

Für Verkäufer von Immobilien bedeutet dieser Umstand, dass beim Verkauf auf derartige Geschehnisse hingewiesen werden muss – anderenfalls kann dies im Nachhinein teuer werden. Das zeigt ein Fall, der vor dem Landgericht des Oberlandesgerichts Celle (Az.: 16 U 38/07) verhandelt wurde: Der Kläger und seine Ehefrau kauften ein Haus zu einem Preis in Höhe von 346.000 Euro. Der beauftragte Makler hatte ihnen erzählt, dass der Vorbesitzer sich in Spanien das Leben genommen hätte. Als der Käufer zu einem späteren Zeitpunkt von einem Handwerker erfuhr, dass die Vorbesitzer sich rund ein Jahr zuvor im Gebäude erhängt hatten und die Leichen erst Wochen später entdeckt worden waren, focht der Käufer den Kaufvertrag wegen arglistiger Täuschung an und verlangte neben der geleisteten Anzahlung auch die bisher entstandenen Nebenkosten vom Verkäufer zurück.

Die zuständigen Richter gaben diesem Begehren im Ergebnis Recht und verurteilten den Verkäufer zur Rückzahlung der geleisteten Zahlungen. Das Urteil bestätigt, dass auch wertmindernde Faktoren psychologischer Art einen merkantilen Minderwert darstellen können.



Merkantiler Minderwert durch Behandlung von Gebäudeschäden in den Medien

Ist ein Gebäude durch negative mediale Berichterstattung über Baumängel bereits zum regionalen Tagesgespräch geworden, kann auch dies einen merkantilen Minderwert bedingen. Bei der Berechnung des exakten merkantilen Minderwertes kommt es nicht selten zu Problemen. Grundsätzlich können hier die Kosten für eine Sanierung bei einem Wiederauftreten des jeweiligen Mangels zugrunde gelegt werden, soweit es sich um einen Mangel handelt, der nicht rein psychologischer Art ist. Liegen diese Kosten bei weniger als zehn Prozent des Verkehrswertes eines entsprechenden mangelfreien Grundstücks, wird das Vorliegen eines merkantilen Minderwertes regelmäßig verneint.

Schadensvolumen beeinflusst den merkantilen Minderwert

Nicht jeder Mangel stellt sofort einen merkantilen Minderwert dar. So sind an einer Immobilie Schäden möglich, deren Einschränkungen für den Bewohner ohne Bedeutung sind. Ein wirklicher Minderwert liegt nur dann vor, wenn sich ein Mangel nachteilig auf die Wohn- und Lebensqualität eines Immobilienkäufers auswirkt.

Wird der Verkaufswert eines Grundstücks oder einer Immobilie reduziert, obwohl bestehende bautechnische Mängel beseitigt wurden, liegt ein merkantiler Minderwert selbst dann vor, wenn ein Interessent noch den Verdacht hegt, dass Mängel vorhanden sind. In der Praxis wird die Problematik deutlich. Wurde beispielsweise ein eklatanter Schimmel- oder Schwammbefall „diagnostiziert“ und dies umfassend beseitigt, können bei einem Kaufinteressenten dennoch Bedenken vorhanden sein, dass eine einst kontaminierte Immobilie nach wie vor eine Gefahr für die Gesundheit darstellt. Nach deutschem Recht sind Verkäufer eines Grundstücks oder einer Immobilie dazu verpflichtet, auch auf einen beseitigten Schimmelpilzbefall hinzuweisen.

Immobilienbewertung – finanzieller Abschlag durch merkantilen Minderwert

Als Immobilienkäufer steht man auf der sicheren Seite, wenn man sich auf eine vom Gesetzgeber vorgeschriebene Mitteilungspflicht durch den Verkäufer beruft, sofern schwerwiegende Baumängel vorliegen. Selbst beseitigter Schwammbefall muss Kaufinteressenten frühzeitig mitgeteilt werden. Bei Unterlassen dieser Mitteilung kann dem Verkäufer eine arglistige Täuschung unterstellt werden.

Beim Ermitteln eines Minderwertes kommt es auch auf die individuellen Umstände, den Wert und das Ausmaß an. Werden Ermittlungen bei Wertminderungen zu nachlässig durchgeführt, muss ein Sachverständiger im ungünstigen Falle sogar mit einer Schadenersatzpflicht rechnen.

Eine objektive Immobilienbewertung muss selbst für den Laien transparent sein und den tatsächlichen Verkehrswert ausdrücken. Schließlich kommt es unter anderem bei einer Zwangsversteigerung, einer Vermögensaufteilung oder einem Scheidungsverfahren darauf an, den objektiven Wert zu kennen. Die Größe, besondere Ausstattungsmerkmale, die Lage, infrastrukturelle Besonderheiten wie auch spezifische Vereinbarungen und Sonderreglungen fließen in die Immobilienbewertung ein, zu denen auch merkantiler Minderwert gehört.