Wohnungsbau in Europa

Wie viele Wohnungen aktuell gebaut werden

Der Wohnungsbau beeinflusst die Preise und Mieten. Mit der Datenbank Euroconstruct prognostizieren Experten den Wohnungsbau in 15 europäischen Ländern.

In Europa werden dieses Jahr voraussichtlich über drei Prozent mehr Wohnungen gebaut als im Vorjahr. Zwischen den einzelnen Ländern gibt es allerdings große Unterschiede. Das zeigt der im ifo Schnelldienst veröffentlichte Beitrag „Wohnungsbauaktivitäten in Europa – Neubau legt 2016 kräftig zu“.

Wohnungsbau im Überblick und Datenquellen

Gegenwärtig sind die Rahmenbedingungen für den Wohnungsbau überaus günstig. So dürften unter anderem die verbesserten Wirtschaftsaussichten, die niedrigen Hypothekenzinsen, eine ausgeprägte Zu- und Binnenwanderung sowie staatliche Anreize dafür sorgen, dass der Umfang der Wohnungsbauleistungen in den drei Jahren bis 2018 um insgesamt acht Prozent zunehmen wird. Positiv stechen dabei vor allem die Länder Irland (+ 54 Prozent), Ungarn (+ 30 Prozent) und Portugal (+ 27 Prozent) heraus. Während in Irland die kräftig anziehende Bauproduktion dennoch nicht mit der deutlich gestiegenen Wohnraumnachfrage mithalten kann, ist in Italien mittelfristig mit keiner wesentlichen Marktbelebung zu rechnen.

Dies sind die wichtigsten Ergebnisse der sogenannten Euroconstruct-Sommerkonferenz die vor Kurzem in Dublin stattfand. In dem 1975 gegründeten europäischen Forschungs- und Beratungsnetzwerk Euroconstruct kooperieren wissenschaftliche Institute mit spezifischem Know-how im Bau- und Immobiliensektor aus 15 westeuropäischen sowie vier osteuropäischen Ländern. Den Kern der Aktivitäten bilden die Konferenzen, auf denen die neuesten Prognosen zum Baugeschehen in den Mitgliedsländern vorgestellt werden.

Bauboom in Frankreich, starker Anstieg in Irland

Laut der Zusammenfassung der Prognosen von Euroconstruct werden in diesem Jahr in Frankreich mit 408.000 Wohneinheiten die meisten Wohnungen in Europa gebaut. Es folgen Deutschland (260.000) Wohneinheiten, Großbritannien (176.000), Polen (160.000), Italien (78.000), Italien (79.000), Niederlande (60.000) und Schweden (51.000). Die Reihenfolge der Wohnungsfertigstellungen in 2016 spiegelt jedoch nicht die großen Unterschiede bei den bis 2018 prognostizierten Veränderungen wider. So ist der Wohnungsbau in Italien bereits seit 2004 stark rückläufig. Von 2014 bis 2018 wird ein Rückgang der fertig gestellten Wohneinheiten um 24 Prozent prognostiziert. Im Neubau soll jedoch 2017 die dramatische Abwärtsentwicklung nach zehn Jahren – und einem Rückgang um 70 Prozent – in Italien zumindest zu Ende gehen. Auch in Belgien geht Euroconstruct von einem Rückgang der Fertigstellungen von 2014 bis 2018 um knapp acht Prozent aus.

Dagegen wird für Frankreich bis zum Prognoseendjahr 2018 weiter von einer Ausweitung der Fertigstellungen auf 460.000 Wohneinheiten ausgegangen. Dies würde einen Anstieg von 2014 bis 2018 um immerhin 33 Prozent bedeuten. Den stärksten Anstieg verzeichnen jedoch – von einem niedrigen Niveau aus – einige der Staaten, die von der Immobilienkrise 2008 stark gebeutelt wurden: In Irland sollen die Wohnungsfertigstellung von 2014 bis 2018 um 127 Prozent, in Ungarn um 78 Prozent und in Spanien um 71 Prozent anziehen. Auch für Großbritannien wurde für diesen Zeitraum noch ein Anstieg um 33 Prozent auf 186.000 Wohneinheiten in 2018 prognostiziert. Da die Prognosen jedoch vom Stand Anfang Juni stammten, flossen die sich nun abzeichnende negative Auswirkungen des Brexit auf den Wohnungsmarkt in Großbritannien noch nicht mit ein.

Prognosen für Deutschland

Auch für Deutschland wird für den Zeitraum 2014 bis 2018 ein deutlicher Anstieg der Wohnungsfertigstellungen um 27 Prozent auf 275.000 Wohneinheiten vorhergesagt.  Allein in den drei Jahren 2013 bis 2015 hat sich die Genehmigungszahl um knapp ein Viertel erhöht. Gerade die Zahl der bewilligten Bauanträge für Wohnungen in neuen Mehrfamiliengebäuden entwickelt sich seit einigen Jahren sehr dynamisch (2013– 2015: plus 41 Prozent). Gleichzeitig sind jedoch rund 4100 Einheiten in Ein- und Zweifamiliengebäuden weniger gebaut worden als 2014.

Wie in den nordischen Ländern Schweden und Dänemark erhält der Wohnungsneubau in Deutschland derzeit von der verstärkten Binnenwanderung kräftige Impulse. Dabei geht es nicht nur um arbeitsplatzbedingte Umzüge in wirtschaftlich florierende Regionen, sondern auch um Wohnortverlagerungen zur Erhöhung des individuellen Versorgungsgrades, was die soziale Infrastruktur, die Verkehrsanbindung oder die Freizeitgestaltungsmöglichkeiten angeht.

In Deutschland vergeht zwar heute im Durchschnitt mehr Zeit als früher, bis ein genehmigtes Mehrfamiliengebäude auch wirklich als fertig gestellt gemeldet wird. So hat zum einen die Bedeutung größerer Wohngebäude etwas zugenommen, zum anderen stellen die Handwerksfirmen eher vorsichtig neue Mitarbeiter ein. Dies führte in 2015 zu einer Stagnation der Fertigstellungszahl. Angesichts des vielerorts hohen Wohnraumbedarfes dürfte mittlerweile ein höherer Anteil der genehmigten Bauvorhaben auch tatsächlich umgesetzt werden.

Aufgrund des derzeit immensen Bauüberhanges im Geschosswohnungsbau gilt für 2016 ein Sprung bei den Fertigstellungen als wahrscheinlich. So prognostiziert das ifo Institut für Deutschland im laufenden Jahr einen erheblichen Zuwachs der Wohnungsfertigstellungen in neu errichteten Wohngebäuden um rund 43.000 auf 260.000 Einheiten. Davon gehen 31.000 Wohnungen auf das Konto des Mehrfamilienhausbaus.

Einen Anhaltspunkt für die relative Bauaktivität gibt die Anzahl der Fertigstellungen im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Für den Wohnungsneubau insgesamt ergibt sich in Deutschland eine eher mittlere Fertigstellungsquote von 3,2 Wohnungen pro 1000 Einwohner. Der prognostizierte Durchschnitt für alle 19 Partnerländer liegt mit 3,3 Fertigstellungen etwas darüber.