Minderheiten werden bei Wohnungssuche diskriminiert

Große Unterschiede zwischen entspannten und angespannten Wohnungsmärkten

Laut einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes führen Vorurteile, Ressentiments und bürokratische Tricks zu Benachteiligungen bei der Wohnungssuche. Eine Lösung: Aufklärung.

Die von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) in Auftrag gegebene Studie „Rassistische Diskriminierung am Wohnungsmarkt“ hat sich zum Ziel gesetzt, die bisher in Deutschland noch wenig erforschte Benachteiligung aufgrund ethnischer und rassistischer Zuschreibungen am Wohnungsmarkt mit Hilfe von Tests und Interviews zu untersuchen.

Unterschiede in entspannten und angespannten Wohnungsmärkten


Vor allem sichtbare Zeichen der Religionszugehörigkeit wie ein Kopftuch führen oft zur Benachteiligung bei der Wohnungssuche.

Sogenannte Fokusgruppendiskussionen wurden in Berlin, Leipzig und Nürnberg im Juni und im Juli 2013 geführt. An den Diskussionen nahmen jeweils lokale Antidiskriminierungsbüros und städtische Mietervereine teil. Hinzu kamen Vertreter aus der Stadtverwaltung, aus beratenden Vereinen sowie ehrenamtliche Mitglieder von Migrations- oder Integrationsräten und Experten, die sich wissenschaftlich mit der Thematik auseinandersetzen.

In Leipzig gilt der Wohnungsmarkt generell als entspannt. Leipzig weist – trotz gegenläufiger Tendenzen – nach wie vor einen klaren Angebotsüberhang auf. Etwa 30.000 Wohnungen werden aktuell noch als Leerstand verzeichnet, was von den Beteiligten positiv bewertet wird. Trotz Tendenzen von Verdrängung und Segregation wird die Durchmischung in Leipzig insgesamt als ausgewogen erachtet.

Anders als in Leipzig ist der Wohnungsmarkt in Nürnberg deutlich angespannter. Die Diskussionsgruppe stellt einen Angebotsmangel insbesondere bei günstigem Wohnraum wie Sozial- und Familienwohnungen heraus. Im Hinblick auf Segregationsprozesse in der Stadt wird in Nürnberg geschätzt, dass es vor allem im nördlichen und östlichen Innenstadtgürtel Mieter/innen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte bei der Wohnungssuche schwerer hätten. Im Gegensatz zu Leipzig werden in Nürnberg Quartiere benannt, die als relativ homogen erachtet werden. Dies gilt auch für sogenannte ‚höherwertige‘ Quartiere, meist homogen mehrheitsdeutsch, wo die Chancen von Menschen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte bei der Wohnungssuche als gering erachtet werden.

Ähnlich wie in Nürnberg wird auch in Berlin die Situation als äußerst angespannt beschrieben. Dabei kommt es zu Verdrängungsprozessen. Neben ethnischer Herkunft und Religionszugehörigkeit ist für die Berliner Diskutanten auch die Einkommenssituation ausschlaggebend.

Im Hinblick auf alle drei Städte wurde beobachtet, dass in entspannten Wohnungsmärkten mit wenigen Bewerber/innen die Diskriminierungswahrscheinlichkeit eher sinkt.

Ergebnisse der Tests per Telefon und persönlicher Gespräche vor Ort

Prinzipiell wurde in allen Fokusgruppen Diskriminierung als eine Erscheinung betrachtet, die im Verbund mehrerer Merkmale wie z. B. Aufenthaltsstatus, Familienstand, soziale Lage und ethnische Herkunft am massivsten auftritt. Obwohl die Testidentitäten als weiblich, ledig, jung und ökonomisch gut aufgestellt kreiert waren, kam es sowohl beim Telefon- als auch beim Face-to-Face-Testing zu Benachteiligungen der nichtdeutschen Testerin.

In der ersten Phase, der Verabredung eines Besichtigungstermins am Telefon, zeichnet sich eine Diskriminierung dabei statistisch kaum nachweisbar und nur in Ansätzen ab. Im Face-to-Face-Testing tritt sie deutlicher und insbesondere in der allerletzten Phase des Bewerbungsprozesses, der Zusage oder Absage der Wohnung, in Erscheinung. Die Annahme, dass Diskriminierung vor allem am Ende des Bewerbungsprozesses auftaucht, bestätigt sich hier.

Gefragt nach den im Testing vertretenen ethnischen Herkünften wurden folgende erwartete Tendenzen angeführt: So wird von einer Besserbehandlung zugeschriebener europäischer gegenüber türkischen, arabischen oder afrikanischen Identitäten ausgegangen. Auch komme es gegenüber Osteuropäern, die überwiegend als Spätaussiedler assoziiert werden, zu Diskriminierungen.

Muslime werden oft spürbar diskriminiert

Zwar wurden die Testpersonen kaum nach ihrer Religionszugehörigkeit befragt, jedoch bei sichtbaren Zeichen der Religionszugehörigkeit (Kopftuch, Tracht) ein anderes Verhalten registriert.  Bei (sichtbarer) Religionszugehörigkeit wird diskriminiert. Während 59 Prozent christlichen Glaubens eine Wohnungszusage erhalten haben, trifft dies nur auf nahezu 18 Prozent der jüdischen oder muslimischen Bewerberinnen zu. Durch eingeschränkte Fallzahlen von 39 Testpaaren bedürfen die Zahlen für gesicherte, quantitative Aussagen allerdings weiterer Überprüfungen. Laut der Rassismusforschung fällt der Religion bei der Konstitution des ‚Fremden‘ eine zunehmende Bedeutung zu, dies gilt insbesondere für Muslime. Das Merkmal „jüdisch“ wurde eher als „unauffällig“ erachtet. In keiner Gesprächsrunde wurden diesbezüglich verstärkte Diskriminierungstendenzen vermutet.

Lösungsvorschläge der Studie

Sogenannte Gatekeeper sollen verstärkt über ihre Verantwortung hinsichtlich des Schutzes vor Diskriminierung informiert werden. Entsprechende Sensibilisierungsmaßnahmen wie Weiterbildungen, Informationsmaterialien oder Kampagnen sollten sich an alle Vermieter und Organisationen sowie Verbände der Wohnungswirtschaft richten. Der Antidiskriminierungsdiskurs scheint die obere Ebene einiger Wohnungsunternehmen erreicht zu haben. Die Unterzeichnung von Leitlinien sei ein wichtiger Schritt , habe bislang aber eher „Appellcharakter“ (Fokusgruppe N). Die Fokusgruppen in Berlin und Nürnberg betonten jedoch, dass die Sensibilisierung der mittleren Mitarbeiterebene entscheidend sei, um Diskriminierung wirklich zu begegnen.

In eine ähnliche Richtung zielt der Vorschlag, kulturelle Sensibilisierung für Hausverwalter zu leisten. Beratungsstellen und Vereine, die z. B. interkulturelles Konfliktmanagement trainieren oder Mediation anbieten, seien wichtige vermittelnde Akteure. Gleichermaßen seien jedoch auch Immobilienunternehmen, Eigentümergemeinschaften und Hausverwaltungen aufgefordert, sich des Themas aktiv anzunehmen.