Zinsanstieg in Deutschland

Kreditnehmer sollten sich finanziell nicht übernehmen

Mehrere deutsche Kreditinstitute haben seit der Präsidentenwahl in den USA das Baugeld erhöht. Der Zinsanstieg ist nicht dramatisch, aber spürbar. Worauf sich Kreditnehmer und Immobilienerwerber einstellen sollten.

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Was bedeuten steigende Zinsen für Immobilienkäufer?

Obwohl die Europäische Zentralbank unvermindert eine sehr expansive Geldpolitik betreibt, haben sich die Bauzinsen nach der Wahl in den USA auch in Deutschland erhöht. Dabei spielt für die Teilnehmer der Kapitalmärkte die Entscheidung der amerikanischen Notenbank sowie höhere Inflationserwartungen eine wichtige Rolle. Dies hat auch Auswirkungen für deutsche Kreditnehmer.

Aktuelles Niveau der Zinsen für Immobilienkredite

Seit der Wahl des künftigen Präsidenten der USA 2016 haben viele Banken und andere Kreditinstitute die Zinsen für Hypothekenkredite in Deutschland angehoben. Mitte November haben nach Deutscher Bank, Hypovereinsbank, Postbank und vielen kleineren Instituten auch die Direktbank ING Diba sowie der Versicherungskonzern Allianz die Zinsen für Baukredite im Durchschnitt um etwa 0,2 Prozentpunkte erhöht. Kostete laut dem FMH-Index bei 40 Baugeld-Anbietern ein Immobilienkredit mit fünfjähriger Zinsfestschreibung noch im Durchschnitt 0,91 Prozent, so waren es Ende November bereits 1,02 Prozent. Stärker stiegen im gleichen Zeitraum die Zinsen mit längerer Zinsbindung. Zehn-Jahres-Kredite verteuerten sich von 1,07 Prozent auf 1,28 Prozentpunkte, Baugeld mit Zinsen, die über 15 Jahre gebunden sind, von 1,5 Prozent auf 1,72 Prozent und Darlehen mit 20-jähriger Zinsbindung von 1,74 Prozent auf 1,94 Prozent.

Im langfristigen Betrachtungszeitraum der vergangenen zehn oder gar 20 Jahre – die üblichen Zeiträume für Immobilienkreditnehmer –befinden sich die Zinsen allerdings weiterhin auf einem äußerst niedrigen Niveau. Wie bisher müssen Verbraucher aber viele Randbedingungen etwa hinsichtlich Kreditwürdigkeit und Beleihung erfüllen, um an so günstige Baudarlehen zu kommen. Bei den Verbraucherzentralen haben Finanzfachleute einst die Faustregel ausgegeben, realistischerweise sollten Verbraucher mindestens 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte auf die Werbekonditionen der Banken draufrechnen, wenn sie über eine Baufinanzierung nachdächten.

Gründe für eine Zinsänderung

Grundsätzlich orientieren sich die Zinsen für Baugeld an den Leitzinsen, die im Euroraum von der Europäischen Zentralbank (EZB) vorgegeben werden. Nach wie vor betreibt die EZB unter ihrem Präsidenten Mario Draghi eine expansive Geldpolitik, indem sie in hohem Maß Staatsanleihen erwirbt. Obwohl die EZB eine unabhängige an der Geldwertstabilität orientierte Politik betreiben sollte, fühlen sich die stimmberechtigten Mitglieder des EZB-Direktoriums sowie die 19 Notenbankpräsidenten der EU-Staaten den Interessen ihrer Heimatländer verpflichtet. Aktuell verfügen die Vertreter hochverschuldeter Mittelmeerländer über eine absolute Stimmenmehrheit. Aufgrund der hohen Schuldenlast haben sie ein Interesse daran, die Zinsen möglichst niedrig zu halten. Die EZB sieht sich allerdings auch der Einhaltung ihres Inflationsziels von höchstens zwei Prozent verpflichtet. Solange das EZB-Inflationsziel von zwei Prozent nicht überschritten wird, sind daher kaum Leitzinserhöhungen zu erwarten. Aufgrund des freien Kapitalverkehrs unterliegt der Euro-Raum jedoch auch Zins- und Wechselkursveränderungen großer anderer Währungsräume, insbesondere des US-Dollars.

Zinserwartungen in den USA

Auch in den USA betreibt die Notenbank aufgrund der hohen Staatsverschuldung eine expansive Geldpolitik. Da aber die USA ein höheres Wirtschaftswachstum und eine geringere Arbeitslosigkeit als der Euro-Raum aufweisen und die Verbraucherpreise dort stärker steigen, hat die amerikanische Zentralbank bereits im Dezember 2015 die Leitzinsen (um 0,25 Prozentpunkte) erstmals seit achteinhalb Jahren erhöht. Zudem wurden weitere Zinserhöhungen in Aussicht gestellt, die die meisten Ökonomen ab Ende 2016 erwarten. In der Regel werden im Wahljahr anstehende Zinserhöhungen für die Zeit nach den Wahlen verschoben. Unmittelbar nach den US-Wahlen stieg auch die Rendite amerikanischer Staatsanleihen von 1,85 auf 2,28 Prozent an, da die Marktteilnehmer mehrheitlich eine Leitzinserhöhung erwarten. Sollten die Zinsen in den USA weiter steigen, wird sich die EZB aber einer Zinserhöhung im Euro-Raum dauerhaft nicht verschließen können, da sie sonst mit Kapitalabflüssen vom in die USA rechnen muss.

Folgen für deutsche Kreditnehmer

Vor allem die wirtschaftliche Situation in den USA spricht dafür, dass auch im Euroraum die Zinsen nicht dauerhaft auf dem aktuell extrem niedrigen Niveau verharren. Sollten die vom designierten Präsidenten der USA angekündigten Maßnahmen – ein massiver Ausbau der Infrastruktur und eine Steuersenkung – durchgeführt werden, würde die damit verbundene expansive Fiskalpolitik tendenziell zu weiteren Zinserhöhungen führen. Ende November hatte die Vizepräsidentin der Deutschen Bundesbank, Claudia Buch, gewarnt: „Derzeit besteht mit Blick auf die Finanzmärkte die Gefahr, dass Marktteilnehmer sich in einem Zustand falscher Gewissheit befinden – und in Erwartung dauerhaft niedriger Zinsen und hoher Vermögenspreise zu große Risiken eingehen.“

Für die Kreditnehmer bedeuten künftig steigende Zinsen, dass sie sich möglichst noch die aktuell niedrigen Zinsen sichern sollten. Läuft etwa in absehbarer Zeit von ein bis zwei Jahren die Zinsfestschreibung ihres bestehenden Darlehens aus, empfiehlt es sich ernsthaft zu erwägen, für die Restschuld schon jetzt die Konditionen über ein Forward-Darlehen zu sichern. Kaufinteressierte sollten zudem über ausreichend finanziellen Spielraum verfügen, um die Belastung eines Hypothekenkredits auch bei einem höheren Zinsniveau noch tragen zu können. Wer aktuell einen Kredit aufnimmt, für den empfiehlt es sich, statt beispielsweise mit einer Tilgung von zwei Prozent besser mit drei Prozent Tilgung zu kalkulieren.