Übernahme aus dem test Spezial "50 plus" mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Warentest
Neues Wohnen Um für sich herauszufinden, welche Wohnform im Alter wirklich attraktiv und sinnvoll ist, gibt es eigentlich nur einen richtigen Zeitpunkt: Jetzt!
Wie anstrengend und laut kleine Kinder sein können, hatte ich wohl vergessen. Das wurde mir einfach auf Dauer zu viel“, berichtet Irmgard M. Und ihr Mann Rudi ergänzt: „Die ewigen Diskussionen mit den Mitbewohnern über alles und jeden – einfach zermürbend.“ Beide zogen daraus die Konsequenz und verließen das Mehrgenerationenhaus wieder, das sie zwei Jahre zuvor in spontaner Begeisterung zu ihrem Alterssitz erkoren hatten. Spontaneität ist nicht der beste Ratgeber, wenn es um langfristige Wohnprojekte geht. Die Alterswohnträume zu realisieren, erfordert sogar meist mehr Ausdauer, Geld und Zeit, als ursprünglich einkalkuliert. Die Zeit sollte man sich nehmen, um irgendwann am passenden Ort Platz nehmen zu können. Das heißt vor allem: Frühzeitig, möglichst nicht erst bei Rentenbeginn, mit der Planung beginnen.
Welche Wohnform zu wem passt
Bisher war es traditionell üblich, so lange im angestammten Wohnumfeld auszuharren, bis es aus alters- und gesundheitsbedingten Einschränkungen einfach nicht mehr allein zu schaffen war. So lange wollen viele jedoch nicht mehr warten und treffen die Entscheidung für ihren Alterswohnsitz immer früher und zielgerichtet danach, wo die für sie günstigsten Versorgungs- und Lebensbedingungen herrschen. In der Regel geht es dorthin, wo Kunst und Kultur, kurze Wege zu Ärzten und Läden, ein engmaschiger öffentlicher Nahverkehr und Freizeitmöglichkeiten geboten werden. Dafür wird auch mal das Reihenhaus auf dem Land oder in der Vorstadt gegen die Neubauwohnung mit Fahrstuhl in der Stadt eingetauscht. Oder man lässt sich auf eine der anderen Wohnalternativen ein. Die Antworten auf die Frage, welche Wohnform zu wem passt, sind so unterschiedlich und vielfältig wie die Menschen, die nach ihnen suchen. Die einen sind vielleicht einfach froh, mit dem Ruhestand nun endlich den gepflegten Rückzug aus Familienpflicht und Beruf antreten zu können. Sie wollen in der eigenen Wohnung bleiben. Das Wohnen im Mehrgenerationenhaus wäre für sie eher Belastung als Freude. Ganz im Gegensatz zu jenen, die gerade jetzt Verantwortung übernehmen wollen, um mit neuen sozialen Kon-takten mehr Lebensqualität für sich zu finden. Sie wären voraussichtlich als Bewohner einer Seniorenresidenz nicht glücklich. Hier von A bis Z einige Hinweise, die auf dem Weg zur Entscheidung behilflich sein wollen.
Angebote finden.
Viele kirchliche und soziale Organisationen, Bauträger, Kommunen, Unternehmen und private Initiativen bieten eigene Wohnprojekte oder Projektbegleitung für private Gruppen an. Viel lässt sich bei diesen Institutionen direkt erfragen, Anregung und Information bietet auch das Internet. Beratung und Coaching. Zu Beginn eines Projekts müssen wichtige Fragen zu Zielen, inhaltlicher Ausrichtung, Finanzierung und Rechtsformen geklärt werden. Sie sollten sich nicht scheuen, in dieser Phase einen Rechts- und Finanzierungsexperten ins Boot zu holen. Sich dieses Fachwissen selbst zu erarbeiten, kann eine Projektgruppe schnell überfordern und zu Frust und Motivationsverlust führen.
Finanzierung.
Mit ihr steht oder fällt jede noch so gute Idee. Die Finanzierungsfrage ist das Fundament jedes Alterswohnprojekts und muss von Anfang an mit Offenheit und Professionalität behandelt werden. Der Einstieg in schon laufende beziehungsweise bereits beendete Projekte macht die Geldfrage kalkulierbarer, da Kauf- oder Mietpreis von Anfang an feststehen.
Gruppendynamik.
Egal ob sich Bekannte oder bis dato Unbekannte zu einer Projektgruppe zusammenfinden: Die Kraft der Gruppendynamik bitte nicht unterschätzen und sich am besten professionelle Hilfe in Form eines speziell ausgebildeten Mediators hinzuholen. Er hat Erfahrung damit, wo die psychologischen und strukturellen Stolperfallen solcher Projekte lauern und wie man sie aus dem Weg räumt. Mediatoren werden von verschiedenen Institutionen vermittelt.
Heim statt daheim.
Als unangefochten unbeliebteste Variante des Alterswohnens gelten Alters- oder Pflegeheime. Dieses Image haben sie nicht nur wegen diverser Pflegeskandale. Es ist auch die Realität einer oft als „unfreiwillig“ empfundenen täglichen Gemeinschaft, über deren Zusammensetzung man kein Mitspracherecht hat. Ist es jedoch die Alterswohnform der Wahl, sollte man frühzeitig so viele unterschiedliche Heimanlagen wie möglich besichtigen und sich bei Gefallen einen Platz sichern, die Wartezeiten sind oft lang.
Mehrgenerationenhäuser.
Hier soll das Prinzip der Großfamilie in zeitgenössischer Form wieder zum Leben erweckt werden. Bei gemeinschaftlichen Wohnformen wie dieser hat sich das Altersverhältnis 2:1 bewährt, bei dem ein Drittel der Mitglieder zu den Älteren zählen. So kommt eine Gemeinschaft nicht in die schwierige Lage, dass aufgrund von gehäufter Pflegebedürftigkeit keine gegenseitige Hilfe mehr möglich ist. Zudem sorgt eine Mischung aus jungen Familien, Alleinerziehenden, Singles und Paaren dafür, dass alle gewinnen. Während die Älteren Integration erfahren, wird die mittlere, im Arbeitsleben stehende Generation zum Beispiel durch Kinderbetreuung entlastet. Und die Kleinen kommen in den Genuss doppelter Zuwendung.
Nähe oder Distanz.
Vor einer endgültigen Wohnentscheidung gilt es, ehrlich zu klären: Wie viele Sozialkontakte brauche ich? Wie viel Gemeinsamkeit, wie viel Privatsphäre ist mir lieb? Will ich mich wirklich verbindlichen Gemeinschaftsregeln unterwerfen? Bin ich kompromissbereit, was Sauberkeit und Geräuschpegel angeht?
Pflegebedürftigkeit.
Grundlage jeder Wohnentscheidung sollte der gesundheitliche Zustand sein. Stellen Sie sich unbedingt die Frage, welche Lösungen die gewünschte Wohnform bietet, wenn Gesundheit und Mobilität nachlassen. Ist schon absehbar, dass Pflege notwendig werden wird, entscheidet man sich besser für eine betreute und barrierefreie Wohnform, bei der ein Pflegedienst vor Ort angeboten wird.
Quartiertreue.
Es gibt viele Gründe, das Alter in der angestammten Umgebung zu verbringen. Wägen Sie diese Gründe trotzdem mit dem bestehenden lokalen Netz aus Beratungs-, Unterstützungs- und Präventionsangeboten ab. Nur wenn sie tragfähig und aufeinander abgestimmt sind, werden Sie auf funktionierende und bezahlbare Hilfe und Pflege zugreifen können.
Residenz-Wohnen.
Senioren-Residenzen gelten als Luxusvariante des stufenweise betreuten Wohnens. Wer es sich leisten kann und möchte, hat hier wie im Hotel rund um die Uhr Zugriffsmöglichkeit auf diverse Dienstleistungen wie Catering, Handwerker- oder Hauswirtschaftsdienste sowie Pflege-, Betreuungs- und Freizeitangebote, kann aber auch seinen eigenen Haushalt führen. Für die Bewohner stehen je nach Anlage unterschiedlich große Apartments zur Verfügung, in denen man auf Nachfrage oft auch Probewohnen kann.
Streitkultur.
Bei aller Toleranz und Offenheit: Die Mitbewohner spielen eine entscheidende Rolle beim gemeinsamen Wohnen. Viele unterschiedliche Biografien, soziale und kulturelle Hintergründe prallen aufeinander und können Konfliktpotenzial bergen. Sachliche Diskussionen über auftauchende Probleme und Mitbestimmung aller bei der Auswahl neuer Mitbewohner sind für den Hausfrieden notwendig und müssen ausgehalten werden können.
Wohn- oder Hausgemeinschaften.
Hier geht es weniger darum, eine WG wie in der Studentenzeit zu gründen. Vielmehr wird im eigenen abgeschlossenen Wohnraum in Gemeinschaft mit anderen gelebt beziehungsweise „zusammen allein“ gewohnt. In der Regel sogar mit eigener Küche und Bad, denn nächtliche Zusammentreffen vor der Toilette sind in jedem Alter unbeliebt. Zusätzlich stehen Gemeinschaftsräume zum Treffen, gemeinsamen Kochen oder Feiern zur Verfügung.
Zuhause bleiben.
Trotz aller Alternativen: Die meisten Menschen favorisieren die Kontinuität und wollen so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben. Barrierefreiheit heißt das Zauberwort hierzu. Mit baulich-technischen Maßnahmen von Haltegriff bis Treppenlift kann man sich auf eine eventuelle Hilfe- oder Pflegebedürftigkeit ohne Stolperfallen vorbereiten und sich per Betreuungsvertrag professionelle Pflege- und Betreuungsdienstleistungen nachhause holen (siehe auch das Buch der Stiftung Warentest „Altersgerecht umbauen“ für 19,90 Euro).
Wider die Einsamkeit: Generationenübergreifendes Zusammenwohnen ist für
viele die ersehnte Wohnform. Über die Fallstricke des Zusammenlebens sind aber schon viele gestolpert. Manch einer kommt allein einfach besser zurecht.
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