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Im Vordergrund steht die Lebensqualität

Aus einem Interview mit Frau Prof. Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Ärztliche Leiterin des Evangelischen Geriatriezentrums und Leiterin der Forschungsgruppe Geriatrie der Humboldt-Universität Berlin

Die meisten Menschen wollen zu Hause alt werden und auch dort sterben. Ein verständlicher Wunsch. Ist es wahr - einen alten Baum verpflanzt man - möglichst nicht?

Ich denke, diese Frag muss man differenziert beantworten. Ganz sicher gilt: Wo sich alte Menschen wohl fühlen, wo man sich um sie kümmert, wo sie ernst genommen werden und ihre Beeinträchtigungen und Erkrankungen versorgt werden, kurz wo sie Lebensqualität haben, dort werden sie sich auch einleben. Allerdings werden sie sich dort, wo all dies nicht zutrifft, entwurzelt fühlen, wie ein Baum, der ungeschickt verpflanzt wird.

Es ist also wichtig, sich schon frühzeitig Gedanken darüber zu machen, wo und wie man im Alter leben möchte?

Genauso ist es. Ich erlebe es immer wieder, dass Familienangehörige bei mir im Sprechzimmer sitzen und händeringend nach einer Lösung für ihren Vater, ihre Mutter suchen. Meist hat sich die Situation zugespitzt, weil Vater oder Mutter wegen einer plötzlichen oder auch absehbaren Erkrankung im Krankenhaus waren, dort akut versorgt wurden, nun aber feststeht, dass sie nicht mehr allein in ihrer Wohnung sein können. Wir finden natürlich in der Regel eine Lösung, dennoch müssen solche Problemsituationen nicht sein. Wenn man sich nämlich langfristig auf das Alter vorbereitet und besonders dem Thema Wohnen Aufmerksamkeit schenkt. Dazu gehört zunächst, dass man seine Wohnung unter dem Gesichtspunkt betrachtet: Kann ich hier auch noch leben, wenn ich beeinträchtigt bin? Und wenn ich mich entschließe, eine altersgerechte Wohneinrichtung zu suchen, heißt es wieder Fragen stellen! Wie möchte ich im Alter leben im Stadtinnern, am grünen Rand, in der Nähe meiner Kinder, meiner Freunde? Und muss es eine altersgerechte Wohnung sein, gibt es möglicherweise andere Lösungen wie z. B. Wohnprojekte, in denen Alte und Junge gemeinsam leben und sich gegenseitig unterstützen? Oder habe ich Freunde und Bekannte, mit denen es sich lohnt über ein gemeinsames Wohnen nachzudenken? Gibt es bei all diesen Projekten ein Pflegeheim in der Nähe für den Ernstfall?
Ich rate dazu, dann über solche Dinge nachzudenken, wenn man noch nicht unter Druck steht. Wenn dies der Fall sein sollte, können meist nur noch andere, eben die Familie oder Freunde, für einen selbst entscheiden. Und unter Zeitdruck sind Entscheidungen immer schwieriger.

Welche Rolle spielt das Umfeld für alte Menschen und ganz speziell für den geriatrischen Patienten?

Eine ganz wesentliche. Stellen Sie sich einen alten Menschen vor, der zwar noch in seiner Wohnung lebt, sich aber aufgrund der Baulichkeiten im Bad kaum noch richtig waschen kann. Würde er bereits von einer Pflegeperson versorgt, hätte die große Probleme, ihn zu duschen oder zu baden. Schwellen, Türen, die in die falsche Richtung aufgehen, Treppen, die Kochmöglichkeiten alles, was in jüngeren Jahren nicht der Beachtung wert ist, wird auf einmal zum Problem. Und dies, wie gesagt, nicht nur für den Betroffenen selbst, sondern auch für diejenigen, die ihn unterstützen oder sogar pflegen. Meistens sind dies ja die Angehörigen, in anderen Fällen die Pflegekräfte. Der geriatrische Patient kommt mit seinen Einschränkungen besser zurecht, wenn das "Umfeld" stimmt.

Quelle: drittesLEBEN - Wohnen & Pflege 2004
www.drittesleben.de
www.geriatriezentrum-Berlin.de

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