Martin Schmidt
Neben Ostern provoziert kaum ein anderes Ereignis so viele merk- und fragwürdige Inneineinrichtungs- und Dekoideen wie Jesus’ Geburtstag: Illuminierte Krippenszenen verzieren Vorgärten, Weihnachtsmann-Puppen hängen todesmutig von Balkonen und jeder Winkel einer Wohnung wird von allerlei kitschigem Weihnachtsmerchandise besetzt.
Der unangefochtene Gipfel des weihnachtlichen Dekorierens ist dabei zweifelsohne der Weihnachtsbaum. Abgesehen von den immensen Herausforderungen, die Aussuchen und Aufstellen an den Familienfrieden stellen, ist dieser Brauch auch an Absurdidität kaum zu überbieten: Um den Geburtstag des Begründers des Christentums zu feiern, hält man eine heidnische Tradition am Leben uns stellt sich einen Tannenbaum in die Wohnung. Dieser wird dann erst mit künstlichem Schnee und künstlichem Duft besprüht und anschließend flächendeckend mit Zinnfolie, Kugeln und sonstigem Tinnef dekoriert. Kerzen machen das Gesamtkunstwerk schließlich perfekt - denn nichts macht sich besser an einem trockenen Nadelbaum als offenes Feuer, bzw. Lichterketten, deren Verkabelung nach Jahren der Lagerung in einer Kellerkiste eine erschreckend hohe Neigung zu Kurzschlüssen aufweist.
Dennoch kommt man zu Weihnachten offensichtlich nicht ohne festliches Gehölz aus. Ich habe es probiert und bin kläglich gescheitert. Dabei sah zunächst alles so gut aus: Meine Freundin und ich wollten erstmalig dem familiären Besinnlichkeitswahn entgehen und ganz revolutionär alleine Weihachten feiern. Mit Gans, Rotwein und Geschenken aber - und auf diesen Akt der Rebellion waren wir stolz - ohne Baum.
Bis zum 23. Dezember blieben wir hart, doch dann machten sich erste Auflösungserscheinungen bemerkbar. Äußerungen wie „Och, so ganz ohne Baum ist es ja schon irgendwie komisch“ fielen von ihrer Seite immer öfter und mir schwante Übles. Dass es mir dabei im Grunde ganz ähnlich ging, wollte ich mir natürlich nicht anmerken lassen. Dennoch war ich fest entschlossen, die Nadelbaumverweigerung bis zum Ende durchzuziehen. Nicht so meine Freundin - als sie am 24. Dezember vom örtlichen Supermarkt wiederkam, hatte sie nicht nur Kloßteig und Soßenbinder besorgt sondern auch einen kleinen, ziemlich murkeligen Weihnachtsbaum. Wie sich herausstellte, war Erwin, so wurde der Baum getauft, der letzte verbliebene seiner Art am Verkaufsstand um die Ecke und wurde also in einem Akt der weihnachtlichen Sentimentalität nur vor dem Schredder gerettet.
Da wir in unserem jungen Haushalt nicht über saisonale Dekoelemente verfügen - was hoffentlich auch so bleibt - musste improvisiert werden, um Erwin ein wenig aufzuhübschen. Nackt hätte er dann doch ein wenig zu trist ausgesehen. Bei einem Trödler um die Ecke, der gerade dabei war, seinen Laden für die Feiertage zu schließen, fand meine Freundin auf dem Weg nach Hause eine extrem kitschige Lichterkette mit roten Sternen. Als der Inhaber des Ladens laut überlegte, wie viel er dafür verlangen könnte, kam seine Frau mit schreckgeweiteten Augen dazu: „Das ist doch unsere Weihachtsdeko!“. Ein Blick auf den nackten, hässlichen Erwin reichte, um ihr Mitleid zu wecken und wir konnten unseren Baum mit leuchtendem Plastik im Wert von 3,50 Euro, ein paar Kunststoffbeeren und einer unter Schmerzen gebastelten Girlande aus Popcorn behängen. Das sah zwar am Ende aus wie eine Drogenphantasie von Walt Disney, erfüllte aber seinen Zweck - denn so ganz ohne Baum ist Weihnachten tatsächlich nicht dasselbe.
Martin Schmidt