Martin Schmidt
Ich erinnere mich noch gut daran, als mir die Beschäftigung mit Einrichten und Dekorieren ungefähr so wichtig war wie das Atomgewicht von Cäsium - also vollkommen egal. Das Prinzip, wonach die Form der Funktion zu folgen hatte, war das unumstößliche Credo meiner ersten eigenen Wohnungen. Genauer gesagt, hatte die Funktion die Form uneinholbar abgehängt. Schlafsofa, Schreibtisch, Stuhl, Bücherregal und Kleiderschrank - alles recht wahllos an die Wände meiner WG-Zimmer gestellt, reichten mir vollkommen aus. Man hat mit Anfang 20 auch wahrlich andere Dinge im Kopf, als darauf zu achten, dass die Möbel zueinander passen. Der einzige Einrichtungsgegenstand an dem ich wirklich hing, war mein CD-Regal. Das lag aber eher an meiner Sammelleidenschaft für Musik und weniger an der besonderen Schönheit des Regals an sich - dies war nämlich der VW-Golf der deutschen Möbel: "Billy" in Birke-Furnier. Dezente Hässlichkeit und übertriebenes Understatement gingen bei mir also Hand in Hand. Menschen mit ein wenig mehr Gefühl für die unendlichen Weiten des Universums namens "Einrichten" schluckten ihre Meinungen diesbezüglich meist schweigend hinunter oder konnten die Situation im besten Fall mit einem "Du hast aber viele CDs!" retten.
All dies änderte sich jedoch dramatisch als ich vor zwei Jahren mit meiner Freundin zusammenzog. Ihr geht das Herz auf, wenn sie Wände mit anderen Farben außer weiß bemalen kann (und ja - weiß ist in meiner Welt eine Farbe) oder Teelichter mit den zur Wandfarbe passenden Teelichthaltern vereint. So entsteht durch ihre magischen Hände und die Kombination aus Farbe, Kerzen und possierlichen Lampen tatsächlich Gemütlichkeit in einem Raum. Bevor ich dies aber anerkennen konnte und einsah, dass ich mich bei ihr einfach wohler fühlte als in meinem Zimmer, wo eine karge Glühbirne ein Poster mit den grimmig drein blickenden Musikern von Slayer anstrahlte, musste ein Jahr ins Land gehen.
Die Wende in unserem Zusammenleben - und in meiner Meinung zum Thema Einrichten - leitet dann die Kunst ein, genauer eine Ausstellung zum Thema "Melancholie". Dort sah ich das Gemälde "Lucifer" des Malers Franz von Stuck. Auf diesem sieht man den gefallenen Engel Luzifer, seine Flügel unter den rechten Arm geklemmt, während er mit dem linken seinen Kopf auf den Knien aufstützt und den Betrachter unnachgiebig und missmutig anstarrt. Ich wusste - dieses Bild muss ich haben! Ich wusste aber auch, dass ein derart dominantes Bild in meinem Zimmer, so wie es damals war, schlichtweg lächerlich wirken würde. So kam es wie es irgendwann zwangsläufig kommen musste - ich verabschiedete mich von den Insignien meiner Jugend und erneuerte rund um einen Kunstdruck von Luzifer (mit Passepartout und speziell angefertigtem Rahmen!) meine ganze Einrichtung. Nach und nach hielten zum neuen Sofabezug passende Vorhänge, ein (nicht von mir) selbst gebauter Schreibtisch und ein CD-Regal, das diesen Namen auch wirklich verdient, Einzug in meine vier Wände.
Der Effekt ließ nicht lange auf sich warten: Besucher erwähnten nun zuerst Luzifer an der Wand, dann den neuen Schreibtisch und erst dann die Musiksammlung. Und auch ich halte mich mittlerweile richtig gerne in meinem Zimmer auf. Und auch wenn ich es bestimmt nicht gerne zugebe - sich geschmackvoll Einrichten kann durchaus sinnvoll sein und das Atomgewicht von Cäsium ist übrigens 132,9054 u.
Martin Schmidt