Martin Schmidt
Seit ewigen Zeiten übt Feuer einen ganz besonderen Reiz auf die Menschen aus. Den ersten Höhlenbewohnern schmeckte der Bison noch besser, wenn er über einem Feuer gebraten wurde, im Mittelalter ließen sich mit ein paar Fackeln prima unliebsame Hütten abfackeln und in modernen Zeiten kann jedes noch so stupide Dorffest durch ein Feuerwerk erheblich an Attraktivität gewinnen.
Bei einem solch populären Allround-Element war es im Grunde nur eine Frage der Zeit, bis es sich auch in der Welt der Inneneinrichtung wiederfindet. Meist geschieht dies, wenn sich Mann und Frau eine Wohnung teilen und frau das Ruder beim Gestalten der Einrichtung an sich gerissen hat, bzw. man es ihr mehr oder weniger kampflos überlässt.
Spätestens im Herbst aber allerspätestens im Winter beginnt das offene Feuer seinen Siegeszug in mitteleuropäischen Paar-Wohnungen und hinterlässt Kerzen, Leuchter und - sehr beliebt - Teelichter (natürlich nur in den zum Vorhang passenden Haltern). In 97 von 100 Fällen ist es nicht der Mann, der derart großzügig mit Kerzen hantiert als ginge es um die sofortige Brandrodung der Zimmerpflanzen. Nein, dekoratives Feuer ist eindeutig Frauensache und es wird in der Regel mit dem Argument entzündet, dass es doch "gemütlich" wäre. Dem kann man ehrlich gesagt nur unschwer widersprechen. Schließlich weiß auch der gröbste Klotz dank ein paar effektvoll gesetzter Kerzen, was die Stunde geschlagen hat und wird zum säuselnden Romantiker.
Es könnte also alles ziemlich einfach sein. Das Problem ist aber, dass frau bei der Verwendung von Kerzen immer wieder den äußerst wertvollen Grundsatz, "weniger ist mehr" geflissentlich ignoriert. Viel Feuer wird zum Synonym für viel Liebe und so kann es durchaus passieren, dass man im Wohnzimmer ein flammendes Inferno der Gemütlichkeit erlebt, bei dem die Temperatur in dem Maße steigt wie der Sauerstoffgehalt sinkt.
Dabei muss es gar nicht so weit kommen. Denn wie erwähnt, sind auch Männer für Feuer durchaus zu begeistern. Ich würde sogar soweit gehen und Feuer als das männlichste Element überhaupt bezeichnen! Erde? Langweilig! Wasser? Zu nass? Luft? Pfft! Feuer dagegen sieht gut aus, ist heiß und ziemlich gefährlich. Drei Attribute, die viele Männer, wenn schon nicht bei sich selbst, dann wenigstens gerne woanders sehen möchten. Leider sind Kerzen so ziemlich die unmännlichste Form des Feuers, die man sich vorstellen kann: Die urwüchsige Kraft, die 1666 London in Schutt und Asche gelegt hat, Steaks brät und Zigaretten anzündet, eingepfercht in ein kleines Teelicht nebst schnuckeligem Teelichthalter? Keine prickelnde Vorstellung. Aber man muss sich den Tatsachen stellen: Eine Kerze und sogar ein Teelicht wirken gerade im Herbst ziemlich, nun ja, gemütlich. Jedoch ist eben Understatement das Zauberwort - denn ob frau es glauben will oder nicht: Maximal drei Kerzen (gerne auch mal eine Duftlampe) reichen vollkommen aus, um eine gemütliche Stimmung zu erzeugen ohne dem Mann gleich die Schweißperlen auf die Stirn oder die Schamesröte ins Gesicht zu treiben
Die Ideallösung, um die Faktoren Mann, Frau und Feuer in einen harmonischen Einklang zu bringen, wäre natürlich ein offener Kamin. Hier bekommt frau garantiert die gewünschte Gemütlichkeit und wenn sie clever ist, überlässt sie ihm dann noch den Akt des Entzündens des Kaminfeuers. Denn es gibt wenige Dinge auf der Welt, die einen Mann so mit urtümlichem Stolz erfüllen, wie Feuermachen. Klingt archaisch - ist aber so, auch wenn aus der Höhle inzwischen ein gemütliches Wohnzimmer geworden ist und der Bison nur noch in Gedanken über dem Feuer rotiert.
Martin Schmidt