(Dante Alighieri, Die göttliche Komödie)
Martin Schmidt
Wie grundverschieden Männer und Frauen bestimmte Aspekte des täglichen Lebens angehen, zeigt sich selten so klar und deutlich wie bei einem Ausflug ins Epizentrum der modernen Einrichtungskultur - IKEA. Ich spreche hier ganz bewusst von einem "Ausflug" denn genau das ist ein Trip zu Billy, Beata und Bernhard für die meisten Frauen.
Dabei scheint zu Beginn der Odyssee noch Konsens darüber zu bestehen, warum man sich überhaupt in das schwedische Möbelhaus begeben muss. Sei es eine neue Stehlampe, neue Vorhänge oder das obligatorische Bücherregal - anfänglich ist die Mission meistens klar abzugrenzen. Jedoch ist nur den Wenigsten klar, dass die Sache über einen gewaltigen Haken verfügt und sich eigentlich gerade eine unaufhaltsame Shoppinglawine in Gang gesetzt hat.
Kurz vor Betreten des gelb-blauen Konsumtempels hat diese dann bedrohlich an Größe und Geschwindigkeit gewonnen: "Dass du aber nicht wieder so schnell durch den Laden rennst - ich möchte nämlich noch nach Handtüchern, Bettwäsche und Gläsern gucken. Und neue Teelichter brauche ich natürlich auch." Die letzten Worte werden nur noch als dumpfes weißes Rauschen wahrgenommen - die Lawine hat Mann soeben überrollt und reißt ihn und seine Zeitplanung erbarmungslos mit durch die schier endlosen Ikea-Gänge. Jetzt hilft alles nichts - es gilt sich treiben zu lassen, dem Tempo zu folgen, das Frau vorgibt und zu hoffen, den Tag ohne Amoklaufphantasien zu überstehen. Das wird allerdings nicht leicht, denn natürlich hatte er doch alles so schön geplant: Samstag 11 Uhr: Ikea betreten. 11.45 Uhr: Lampe, Vorhänge und Bücherregal gefunden. 11.50 Uhr: Kasse. 12 Uhr: Ikea verlassen.
Wenn er aber ehrlich ist, hat er unterbewusst bestimmt schon geahnt, dass es auf keinen Fall so glatt laufen wird, denn schließlich ist das gesamte Konstrukt IKEA nicht für den schnellen Einkauf geschaffen.
Zunächst einmal hemmt die Zersplitterung in Ausstellungsbereich, SB-Halle und Lagerhalle jegliches zielorientierte Einkaufen. Anstatt ein Produkt auch dort in den Einkaufswagen zu legen, wo man es ansehen kann, muss man sich kryptische Namen und Nummern mit stumpfen Bleistiftstummeln auf Ökopapier kritzeln, um sich das passende Stück später selber aus einem Lagerregal von der Höhe des Eiffelturms zu wuchten. Auch die in die schwedischen Nationalfarben gehüllten Angestellten sind keine große Hilfe - entweder ist keiner zu finden oder die, deren Rat man wirklich bräuchte sind permanent von nervösen Hausfrauen umzingelt. Zu guter letzt provoziert auch die zwanghafte Kumpel-Attitüde nebst ungefragtem Dauer-Duzen alles andere als eine gute Stimmung.
Kurzum - IKEA stellt wahrlich große Herausforderungen an Geist und Körper der meisten Männer. Hin und wieder ist diese blau-gelbe Tortur aber tatsächlich von Erfolg gekrönt. Etwa wenn die Vorhänge tatsächlich gut aussehen, das Bier auch in den neuen Gläsern gut schmeckt und man froh ist, in schwachen Momenten doch mal ein paar Teelichter anzuzünden zu können. Dass man aber dafür nur eine und nicht vier Stunden gebraucht hätte, muss ja niemand wissen.
Martin Schmidt