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Heimwerken. Oder: Wann ist Mann ein Mann?

Martin Schmidt

Wir leben in Zeiten, in denen das Ideal einer archaischen Männlichkeit immer mehr an Bedeutung verliert. Wo früher noch grobschlächtigen Helden wie Sylvester Stallone oder dem Mann aus der Cliff-Werbung gehuldigt wurde, ist nun der metrosexuelle Mann in Elternzeit das Maß aller Dinge. Aber noch gibt es eine letzte uneinnehmbare Festung des Testosterons: Heimwerken.

Um zunächst einmal alle potentiell aufgebrachten Gemüter zu beruhigen - ich habe keineswegs Probleme mit diesen Ausprägungen der neuen Männlichkeit, dennoch ist es irgendwie gut zu wissen, dass wenigstens auf einem Gebiet die Fronten klar gezogen sind und Mann und Frau es auch genau so wollen. Denn egal wie emanzipiert sie auch sein mag - wenn es darum geht, Küchenschränke zukunftssicher an der Wand zu befestigen, Möbel zusammenzubauen oder - der Klassiker - Löcher zu bohren, muss meistens ein Mann ran. Dieser wiederum kann noch so faul, lethargisch oder ungelenk sein - der weibliche Appell an die eigene Tat- und Schaffenskraft macht aus jeder trüben Tasse einen Bohrhammer-schwingenden Pfundskerl.

Essentiell wichtig dafür ist natürlich, dass die aufgetragene oder selbst gefundene Arbeit im eigenen Heim auch tatsächlich gelingt. Ich erinnere mich noch gut daran wie mein Vater monatelang immer wieder vergeblich versucht hat, im Zimmer meines Bruders eine Arbeitsplatte an der Wand zu befestigen. Das Konstrukt hielt in der Regel knapp eine Woche bevor es sich knirschend aus dem Mauerwerk verabschiedete und immer größere Brocken Putz mit sich in die Tiefe riss. Noch heute bietet dieses Fiasko Gesprächsstoff für lustige Runden im familiären Kreis. Nur mein Vater ballt sein Gesicht stets zur Faust und verstummt schlagartig, sobald die Sprache auf sein persönliches Heimwerker-Waterloo kommt. Derartige Wunden sitzen eben tief und verheilen nie ganz.

Auf der anderen Seite kann man aber von den Meriten eines erfolgreichen Heim-Werkes auch sehr lange zehren. Wie bei einem guten Freund von mir, der, nun ja, nicht gerade einen Preis als bester Hausmann des Jahres gewinnen würde - sein natürliches Habitat neben dem Job sind eher Couch und Kneipe und nicht Baumarkt oder Stehleiter. Doch auch für Ihn schlug die Stunde der Wahrheit in Form von zwei neuen Gardinenstangen, einem Schlagbohrer und einer auf männliche Tatkraft angewiesenen Freundin.
Natürlich hat sich mein Freund nicht gerade darum geprügelt, vier Löcher in die Wand zu bohren, sie zu verdübeln und die beiden Stangen daran zu befestigen. Er konnte ja anfangs nicht mal vom Sinn der Vorhänge an sich überzeugt werden - Licht sei doch eine gute Sache, wozu solle man es aussperren? Irgendwann kapitulierte er jedoch vor der Tropfenfolter des weiblichen Genörgels und tat, was ein Mann tun muss. Noch heute, Monate später, kann man sehen wie stolz beide auf das Gelingen dieses Unterfangens sind - er auf sein Werk und sie auf ihren Freund, der das tatsächlich hinbekommen hat.

Die Frage ist nun, wie der Mann seine Festung des Heimwerkens gegen die Wirren der Postmoderne verteidigen kann? Er benötigt dafür erstens solides Werkzeug, um für alle weiblichen Hilferufe gerüstet zu sein, zweitens eine latente Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten und sollte drittens auf jeden Fall eine potentielle Elternzeit wahrnehmen - denn wann hat Mann schon jemals wieder so viel Muße zum Bohren, Hämmern und Schrauben?

Martin Schmidt